Reformierte Kirchgemeinde, 3770 Zweisimmen

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Vers an der Rückwand des Chores

Predigtversand

Einmal im Monat wird eine in Zweisimmen gehaltene Predigt an Interessierte verschickt. Wer nicht oder nicht mehr am Gottesdienst dabei sein kann, hat so die Möglichkeit, noch etwas „teilzunehmen“. Andere beziehen die „Zweisimmer Predigten“, um daheim in Ruhe zu lesen, was sie schon gehört haben. Die Predigten werden elf Mal im Jahr verschickt, kostenlos. Wenn Sie zu den Bezügern gehören möchten, schreiben Sie doch eine kurze Notiz an: Reformiertes Pfarramt, Postfach 257, 3770 Zweisimmen.

 

Predigt zum Invokavit-Sonntag

 

Predigttext: Matthäus 4, 1-11

1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ 5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11.12): „Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“ 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ 8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ 11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Liebe Gemeinde!

Wenn Sie in diesen Wochen eine katholische oder eine lutherische Kirche betreten, wird Ihnen auffallen, daß sich wieder einmal die Farbe geändert hat: An Kanzel und Altar hängen nicht mehr Stoffbahnen, die sogenannten Paramente, im hoffnungsvolle Grün, sondern das Violett von Einkehr und Umkehr, Besinnung und Buße setzt den Farbakzent in den Gottesdiensten der kommenden Wochen. Mit dem Aschermittwoch beginnen die Vierzig Tage der Vorbereitung auf Ostern. Es ist eine Zeit der Besinnung auf den Weg des Herrn, der führt in die letzte Tiefe menschlicher Existenz – und wieder aus der Tiefe herauf.
Es ist auch eine Zeit der Besinnung auf unser eigenes Leben, als Einzelne wie als Gemeinden. Wer sind wir? Wie sehen wir uns selbst? Wie sehen uns andere? Wo stehen wir, und wie gehen wir weiter? Wie können wir mit Jesus mitgehen in die Tiefe des Karfreitags und wie an Ostern mit ihm zu neuem Leben kommen? Was bestimmt unser Leben, was muß anders werden und was ist wichtig für die Zukunft? Jede Menge ernster Fragen: Zum Glück haben wir 40 Tage Zeit, um zur Besinnung zu kommen.
Die Zahl 40 benennt in der Bibel immer ein komplettes, erfülltes, abgerundetes Menschenleben. Mose wird 120 Jahre alt, hat also drei davon: nach jüdischer Überlieferung das erste als Prinz am Hof des Pharao, das zweite im Exil in Midian; das dritte beginnt mit den Verhandlungen mit Pharao und bringt ihn in die Wüste, auf den Weg von Ägypten hinauf nach Gottes Land Kanaan.
Und die Wüste ist im alten Testament der leere, tödliche Ort, an dem sich menschliches Leben abspielt: 40 Jahre, das ganze Leben lang, ist Israel in der Wüste. Die Ankunft in Gottes Land ist und bleibt hoffnungsvolle Zukunft, Prophetie; sie wird denn auch erst im Buch Josua, nach jüdischer Auffassung dem ersten Prophetenbuch, erzählt.

In der Wüste spielt sich unser Leben ab, dort wo es nichts gibt, nichts zum Leben, nichts, an dem man sich festhalten könnte – nichts außer Gott. Denn die Wüste ist schon im Alten Testament der Ort der Prüfungen, an dem Gott die Menschen prüft, ohne daß es den Menschen gestattet wäre, ihrerseits Gott auf die Probe zu stellen. Die Wüste ist aber auch der Ort der Gottesbegegnung, der Ort, an dem Elia nach 40 Tagen und 40 Nächten des Fastens Gott begegnet und einen Neuanfang findet, der Ort, an dem Gott Mose – in 40 Tagen und 40 Nächten des Fastens (2. Mose 34,28) – mit den „Zehn Worten des Bundes“, den Zehn Geboten wissen läßt, worauf es in seinen Augen ankommt im Leben der Menschen und in deren Leben mit Gott.

Es ist ein Kennzeichen des biblischen Bildes von der Wüste, in der wir leben und in der Jesus selbstverständlich landen muß, wenn er – Gottes Sohn – Menschensohn werden will: Wüstenzeit ist die Zeit der Prüfung. Da geht es, kurz gesagt, darum, daß Gott die Menschen prüft, ob sie wohl wirklich Mensch sein wollen; und es geht darum, daß es umgekehrt den Menschen nicht zugestanden ist, Gott auf die Probe zu stellen, ob der wohl wirklich Gott ist, so wie es uns paßt.
Es geht also in der Wüste des Lebens darum, Mensch zu sein. Es geht um das scheinbar Selbstverständlichste, Einfachste und zugleich Schwierigste, das es gibt: ein Mensch zu sein auf Erden. Das sind wir nicht einfach so, das ist in den Augen der Bibel immer etwas, was man sich erkämpfen muß, was man lernen muß. 

Schauen wir uns daraufhin die Geschichte aus unserem Predigttext an:

3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5. Mose 8,3): „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“

Das ist gleich zum Auftakt Verführung in ihrer besten Form! Du willst Mensch sein, hinabsteigen in die Tiefe menschlicher Sorgen und Nöte? Dann probiere doch erst mal aus, ob es stimmt, daß du wirklich auch noch Gottes Sohn bist! Schau dir die Menschen an. Was bewegt sie, was treibt sie, was läßt sie schaffen und raffen?

Seit der Vertreibung aus dem Paradies eben dieser Fluch:

Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist.

Von Kindesbeinen an müssen wir lernen; nicht weil wir etwas wissen wollen, sondern wir müssen lernen, damit wir unseren Broterwerb sichern. Lesen, Schreiben, Rechnen, soziales Verhalten – das alles lernen wir, nicht weil es Spaß macht, die Quadratwurzel aus 7985 zu ziehen, sondern weil wir es brauchen, um eine Stelle zu bekommen, uns im Beruf zu behaupten. „Du willst doch später mal ein gutes Leben führen, das heißt: einen guten Job haben. Also lerne jetzt“, so haben wir es von unseren Eltern eingetrichtert bekommen und so geben wir es unseren Kindern weiter.
Machen wir uns nichts vor, das Leben ist Mühe und Arbeit, wie es so richtig im 90. Psalm heißt. Ist Kampf und Krampf. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ – „Schluck deinen Stolz herunter und sei froh, wenn du in diesen schwierigen Zeiten einen Job hast.“ – „Freue dich, daß du bei der Bank und nicht in einer Fabrik am Fließband arbeitest.“ Wir kennen diese Sprüche, sie gehören zu unseren Alltagsweisheiten, mit denen wir uns und andere trösten über die Tretmühle von Montag bis Freitag mittag.
Was für eine Versuchung, wenn da einer aus Steinen Brot schafft, das heißt: uns ins Schlaraffenland versetzen würde, uns vom Fluch der Arbeit befreite, unsere Leben zu mehr machte als nur Mühe und Arbeit, wenn wir leben könnten, ohne darüber nachzudenken, wo das Geld für die BKW-Rechnung und die Versicherungsprämien oder das nächste Stück Brot herkommen soll!

Doch es ist zu wenig, ein Brotheiland und gottähnlich zu sein. In Wundern läßt sich Gott nicht fassen, sondern nur im Menschsein. 

Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11.12): „Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“ 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5. Mose 6,16): „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“

Du vertraust auf die Schrift? Probiere einmal, ob wirklich für dich gilt, was der Psalm besingt!

Dazu brauchen wir eigentlich nicht in die Wüste oder auf einen gefährlich hohen Punkt zu steigen. Das erleben wir tagtäglich: Das Leben steckt voller Gefahren. Wir kommen aus der Kirche und machen einen unbedachten Schritt auf dem rutschigen Kopfsteinpflaster vor der Tür – Oberschenkelhalsbruch! Wir passen für einen Moment beim Autofahren nicht auf – der Blechschaden ist zu verschmerzen, aber das verletzte Kind, das sein Leben lang an seiner Behinderung zu tragen hat, das läßt uns keine ruhige Nacht mehr haben. Wir bemühen uns um ein gesundes Leben, Genuß in Maßen und ohne Reue – und plötzlich heißt es dann doch: Diagnose Krebs!

Wenn es doch etwas oder jemanden gäbe, der uns Sicherheit verschafft. Sicherheit für ein Lebensrezept, das vor all diesen Unbilden schützt und bewahrt. Was gäben wir dafür?! 

Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! denn es steht geschrieben (5. Mose 6,13): „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“

Zuletzt entpuppt sich der Teufel als Abgott, der im Tausch gegen Anbetung Macht und Reichtum verspricht. Das macht ihn erst satanisch!

Jesu Widerstand gegen die Verführung macht ihn zum Menschen, zum wahren Menschen, so wie Gott ihn sich wünscht. Der, dem der Ehrentitel Immanuel, Gott-mit-uns, gegeben ist, wehrt sich mit Worten aus dem Alten Testament, wo aufgeschrieben steht, was ein Mensch-mit-Gott ist. Wer der Verführung nicht widersteht, der ist in Gottes Augen kein Mensch; wer widersteht, dem dienen die Engel.
Der Verführer in der Geschichte ist der Teufel. Liebe Gemeinde, ich bin mir durchaus bewußt, daß es anstößig ist, auch in der Kirche inzwischen fürchterlich altmodisch, vom Teufel zu reden. Das gab es im finsteren Mittelalter, doch heute leben wir zum Glück in einer modernen Zeit. Wir sind aufgeklärt und abgeklärt und brauchen uns vor dem Teufel nicht mehr zu fürchten. Und das ist gut so.
Doch machen wir es uns nicht zu einfach, wenn wir mit der mittelalterlichen Teufelsangst auch das abschaffen, was dahintersteckt, wenn wir nicht mehr fragen, was eigentlich mit „Teufel“ gemeint ist? Es geht immerhin um eine ernste Angelegenheit: Das griechische Wort diabolos – diabolos bedeutet wörtlich „Spalter, Durcheinanderbringer“, also der oder das, was auseinandertreibt, was zusammengehört. Die Spaltung kann in mir selber stecken. Nicht ein böser Anderer, sondern ich selbst verführe mich dann selber. Es sind meine Bedürfnisse und Gelüste, meine Zweifel und Ängste, mein heimlicher Wunsch, mein Leben ganz und gar selbst zu regeln, also auf Gottes Stuhl Platz zu nehmen, die mich zu Fall bringen können. Widerstehen aber heißt, mein Menschsein anzunehmen und auszuhalten, mit seinen Beschränkungen und Widersprüchen, mit den Zweifeln, den Ängsten und dem Scheitern.
Ich habe es in anderem Zusammenhang schon einmal gesagt: liebe Gemeinde, am Ende unseres Lebens werden wir nicht gefragt, warum wir keine Heiligen geworden sind; am Ende meines Lebens werde ich gefragt, warum ich nicht Günter Faßbender gewesen bin.
Es geht darum, Mensch zu werden und Mensch zu bleiben, nicht immer wieder danach zu streben, heilig oder gar göttlich zu werden. Um Mensch zu sein und zu bleiben, brauche ich Vertrauen: Vertrauen auf das, was bleibt, auch in der Wüste des Lebens. Vertrauen auf den, der größer ist als meine Angst, meine Überheblichkeit, meine Selbstzufriedenheit. Vertrauen auf den, der auch dann, wenn ich in der Prüfung gescheitert bin, versagt habe, noch Ja zu mir sagt, der auch dann noch einen neuen Anfang ermöglicht. Vertrauen auf Gott, der im Psalm 91 sagt:

Ruft er mich an, will ich ihm antworten. Ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.

Amen.



 

 

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